Novosibirsk – Eine russische Stadt voller erstaunlicher Gegensätze

18. Oktober 2013 | Von | Kategorie: Asien
Ehren gehalten: Eine Statue des Revolutionärs Wladimir Iljitsch Lenin

Mit mehr als 1,5 Millionen Einwohnern ist Novosibirsk die drittgrößte Stadt Russlands und sogar die größte Stadt in Sibirien. Sie befindet sich mehr als 5000 km östlich von Deutschland und selbst noch 3300 km östlich der russischen Hauptstadt Moskau. Eine Reise nach Novosibirsk dauert von Deutschland aus per Direktflug ungefähr sechs Stunden. Wer von Berlin aus den Zug nimmt, ist 74 Stunden unterwegs, das entspricht drei Tagen. Wer gerade am Flughafen Novosibirsk ankommt, merkt noch nicht viel von der enormen Größe der Stadt: Novosibirsk-Tolmatschowo, so der Name des Flughafens, ist mit einer Fläche von ungefähr 600 Hektar nur knapp über ein Drittel mal so groß wie der Flughafen in München und mit gewaltigen Flughafenanlagen wie der in Frankfurt am Main kaum vergleichbar. Erst die Autostaus Richtung Innenstadt lassen erahnen, dass es sich hier um eine Großstadt handelt.

Rasantes Wachstum: Vom Dorf zur Großstadt in weniger als 100 Jahren

Bevor er zu Beginn des 20. Jahrhunderts Stadtrechte erhielt, trug der damals noch sehr kleine Ort, der 1893 gegründet worden ist, den bezeichnenden Namen „Novoja Derjevna“ – russisch für „Kleines Dorf“. Mit den Stadtrechten erhielt das Dorf am großen Fluss Ob schließlich auch einen neuen Namen, der zu Ehren des Zaren Nikolaus II. damals „Novonikolajevsk“ lautete. Nachdem dieser gestürzt worden ist, wurde die Stadt dann in „Novosibirsk“ umbenannt, wie sie bis heute heißt. Im Deutschen ist jedoch auch die Schreibweise „Nowosibirsk“ verbreitet. 1921 wurde Novosibirsk Hauptstadt der Region.

Zahlreiche Flüchtlinge ließen sich in den Zwischenkriegsjahren an den Stadträndern von Novosibirsk nieder und ließen die Stadt innerhalb weniger Jahre zu einer Großstadt heranwachsen, in den 1960er Jahren schließlich knackte die Einwohnerzahl die Millionengrenze und wuchs weiter. Seit 1985 besitzt Novosibirsk das Kennzeichen einer Großstadt: Eine Metro beziehungsweise ein U-Bahnnetz. In den letzten 20 Jahren ist die Stadt erneut stark angewachsen, und bis jetzt kommen zahlreiche Gastarbeiter nach Novosibirsk. Immer wieder muss Wohnraum geschaffen werden, doch trotzdem herrscht Platznot, mit ein Grund für die sehr hohen Mieten in Novosibirsk.

Typischer Plattenbau in Novosibirsk

Typischer Plattenbau in Novosibirsk – Foto: © Elsa

Lieblose Plattenbauten und wenig Grün: Wohngegenden in Novosibirsk

Der starke Bevölkerungszuwachs und die Platznot wird im Stadtbild sehr deutlich: Ein Großteil der Menschen lebt in gewaltigen Plattenbauten, viele von ihnen sind alt, heruntergekommen und renovierungsbedürftig. Für Einfamilienhäuser mit Gärten ist kaum Platz. Nur am Stadtrand gibt es einige wenige Viertel für die wohlhabende Bevölkerung, die sich ein eigenes Haus leisten kann, doch geprägt ist das Stadtbild von seinen Plattenbauten.

Auch Geschäfte und kleine Firmen befinden sich in solchen Plattenbauten, zwischen gewerblich genutzten und Wohnhäusern wird oft nicht unterschieden: Eine Wohnung in einem mehrstöckigen Haus dient als Friseursalon, eine andere als Tanzschule. Ein Unternehmer leitet seine Firma inklusive Mitarbeitern in einer gewöhnlichen Wohnung.

Zwischen den Plattenbauten befinden sich kleine Grünanlagen, manchmal finden sich darauf einzelne Kinderspielgeräte wie Schaukeln oder Rutschen, und außerdem zahlreiche Betonbunker und aufgestellte Container: Es handelt sich um öffentliche Einrichtungen, Supermärkte und Kioske. Auch viele Obst- und Gemüsehändler stellen ihre Stände zwischen den Plattenbauten auf. Da fast alle Bewohner auf dem Weg zur Bushaltestelle an den Händlern vorbeikommen, herrscht an den Ständen stets reges Treiben.

Ein Kindergarten in Novosibirsk

Ein Kindergarten in Novosibirsk – Foto: © Elsa

Arme Verhältnisse und rührende Gastfreundlichkeit: Das Leben in Novosibirsk

Obwohl Busse neben der Metro und den unzähligen Autos, die es in Novosibirsk gibt, eines der meistverwendeten Verkehrsmittel sind, gibt es keine Busfahrpläne, die Busse kommen irgendwann. Welche Buslinie welche Stationen anfährt, steht nirgendwo. Die Leute wissen das einfach, und geben stets Auskunft und Empfehlungen. Die meisten Menschen auf den Straßen und in der Stadt sind nicht unhöflich, doch Fremden gegenüber distanziert und in sich gekehrt. Der Alltag in Novosibirsk ist nicht einfach.

Das Leben, das hier viele Menschen führen, die zur Mittelklasse gezählt werden, würde man in Deutschland als Existenzminimum bezeichnen: Bis zu drei Generationen teilen sich eine Wohnung, junge Jurastudiums-Absolventen mit Vollzeitanstellung können es sich nicht leisten, aus der Wohnung ihrer Eltern auszuziehen, Pralinen und Wurst sind Luxusgüter, für Medikamente fehlt vielen das Geld. Die Löhne und Renten sind niedrig, während die Lebenshaltungskosten sich ungefähr auf deutschem Niveau befinden.

Wer weiter raus aufs Land fährt, begegnet noch schwierigeren Lebensumständen: In Veselovka, einem Dorf 300 km von Novosibirsk entfernt, ist nur eine Straße geteert. Die Menschen hier leben in Häusern, die sie oder ihre Vorfahren aus einfachem Material selbst erbaut haben und versorgen sich zum großen Teil durch Viehzucht und Gemüseanbau selbst. Wer gespart hat und einen der wenigen Arbeitsplätze im Dorfkrankenhaus, in der Schule und den zwei Supermärkten erhalten hat, kann sich eine Wasserleitung finanzieren.

Ein Wohnhaus in Veselovka

Ein Wohnhaus in Veselovka – Foto: © Elsa

Umso erstaunlicher ist, angesichts der Armut, die Gastfreundlichkeit der Menschen: Auf bescheidenen Tischen, in bescheidenem Geschirr bieten sie einfache, doch liebevoll zubereitete Speisen an, wenn man sie besuchen kommt. Nachbarn teilen untereinander, was sie haben, und helfen sich gegenseitig: Wer ausgehungert aus dem Wald kommt und einen Korb voll Pilze gesammelt hat, teilt sie mit seinen Nachbarn und setzt sich dafür mit an den Mittagstisch, zu dem auch das eine oder andere Gläschen Wodka gehört. Die Menschen lachen und prosten sich zu: Es ist hart, aber sie halten zusammen.

Bescheidene, doch herzliche Gastgeber: Die Bewohner von Veselovka

Bescheidene, doch herzliche Gastgeber: Die Bewohner von Veselovka – Foto: © Elsa

Kommunismus und Krieg: In Novosibirsk lebt die Sowjetunion weiter

Die kommunistische Vergangenheit Russlands sowie die Verherrlichung des Militärs wird in der Innenstadt von Novosibirsk sehr deutlich: Eine gewaltige Statue auf dem Vorplatz der Oper zeigt Wladimir Iljitsch Lenin, den kommunistischen Revolutionär, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Oktoberrevolution anführte und als Begründer der Sowjetunion gilt, in erhabener Pose. Links und rechts von ihm stehen Statuen bewaffneter Arbeiter. Sowohl der Platz, als auch die diesen kreuzende gewaltige Hauptstraße sind nach dem kommunistischen Politiker benannt.

Die kommunistische Vergangenheit Russlands wird in Ehren gehalten: Eine Statue des Revolutionärs Wladimir Iljitsch Lenin

Die kommunistische Vergangenheit Russlands wird in Ehren gehalten: Eine Statue des Revolutionärs Wladimir Iljitsch Lenin – Foto: © Elsa

Am Stadtrand des Teils von Novosibirsk, der sich auf der linken Seite des Ob befindet, ist ein kleiner Park angelegt, in den das imposante Denkmal „Monument Slawi“ eingebettet ist. In gewaltige steinerne Statuen sind unzählige Namen eingraviert: Die Namen der im zweiten Weltkrieg gefallenen russischen Soldaten. Ihnen zu Ehren brennt auch das „Ewige Feuer“, das rund um die Uhr von Soldaten bewacht wird.

Soldaten bewachen das Ewige Feuer zu Ehren der im zweiten Weltkrieg gefallenen sowjetischen Soldaten

Soldaten bewachen das Ewige Feuer zu Ehren der im zweiten Weltkrieg gefallenen sowjetischen Soldaten – Foto: © Elsa

Die eingravierten Namen der Gefallenen

Die eingravierten Namen der Gefallenen – Foto: © Elsa

Weltoffenheit und Idylle: Wo die Bewohner Novosibirsks ihre Seele baumeln lassen

So grau und trostlos die Wohngegenden Novosibirsks auch wirken mögen, die Stadt hat auch schöne Orte, an die sich ihre Einwohner zurückziehen und die Natur genießen können, so beispielsweise der kleine, doch sehr hübsche Vergügungspark „Sad Kirowa“ („Garten von Kirow“) in der Nähe des „Monument Slawi“. Die Fahr- und Spielgeräte sind zwar nicht modern und nicht spektakulär, doch sie wirken freundlich und einladend. Die zwischen den Grünanlagen, Blumen und Springbrunnen spazierenden Familien sehen glücklich und entspannt aus.

Nur ein Zaun trennt den Park von einer großen, stark befahrenen Hauptstraße mit gewaltigen Schlaglöchern, doch innerhalb des Sad Kirowa herrscht Idylle. Benannt ist der Garten nach Sergei Mironowitsch Kirow, einem sowjetischen Politiker, der an der Oktoberrevolution teilgenommen und 1934 durch ein Attentat getötet worden ist. Da er ein Konkurrent Stalins und sehr populär war, gibt es die weit verbreitete Annahme, dass Kirow durch Stalin eliminiert worden ist.

Denkmal Kirows im Sad Kirowa

Denkmal Kirows im Sad Kirowa – Foto: © Elsa

Auch am anderen Ufer des Ob können sich die Menschen im Grünen erholen: Dort gibt es die „Birosewaja Roscha(„Birken-Gegend“) mit Spazierwegen, Restaurants und Spielplätzen.

Nach langem Umbau ist erst 2012 der weitläufige Novosibirsker Zoo wiedereröffnet worden. Hauptattraktion dort ist ein Ligerweibchen, eine Kreuzung aus Löwe und Tiger, die inzwischen sogar selbst zwei Junge bekommen hat. Nur zwei Tramstationen vom Zoo befindet sich der berühmte Zirkus von Novosibirsk, ein feststehendes Gebäude, das die Zirkusartisten immer wieder für ihre Aufführungen nutzen. Die Bauart des Gebäudes sticht besonders ins Auge und ist Grund dafür, dass der Zirkus eines der berühmtesten Bauwerke der Stadt ist.

Sad Kirowa

Sad Kirowa – Foto: © Elsa

Trotz des starken Bezugs zum Kommunismus und zur ehemaligen Sowjetunion hat Novosibirsk viel von einer weltoffenen Metropole: Wenn junge Leute abends weggehen, passieren sie zwar meist die gigantische Lenin-Statue, doch ihr Weg führt sie schließlich in Irish Pubs, Rock-Kneipen, internationale Café-Ketten wie das Coffee Fellows und Diskotheken, in denen sie zu internationalen Clubhits tanzen.

Eine Reise nach Novosibirsk kann sehr faszinierend sein!

Ihre Gegensätze sind es, die eine Reise in die russische Stadt Novosibirsk so spannend und faszinierend machen: Angesichts der Gastfreundlichkeit vergisst man fast die ärmlichen Verhältnisse der Menschen, im Sad Kirowa verliert sich jeder Gedanke an die graue Trostlosigkeit der Plattenbauten und wer die Menschen zu amerikanischen Hits tanzen sieht, wird erst wieder durch den erhaben schreitenden, gewaltigen Lenin am Opern-Vorplatz daran erinnert, dass die Sowjetunion noch lange nicht vergessen ist.

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9 Kommentare auf "Novosibirsk – Eine russische Stadt voller erstaunlicher Gegensätze"

  1. Sehr schöner und ausführlicher Artikel!
    Nach Russland wollte ich schon immer mal, allerdings haben mich die restriktiven Visa Bestimmungen bislang davon abgehalten. Die Lektüre dieses wirklich interessanten Berichts hat mich wieder ein Stück näher gebracht, diese tolle Land voller Gegensätze, Herz, Seele und Wodka-Leichen einmal zu besuchen.

    • K.-H. H. sagt:

      Hallo Robin Brunold, mich hatten auch immer die Visa Bestimmungen von einer Russlandreise abgehalten. Nun habe ich mal in einem Russischem Reisebüro gebucht und nach ein Paar Tagen klebte ein Visum in meinem Reisepass. Alles geht schnell und bequem von zuhause aus mann muss es nur machen 😉

  2. Mel sagt:

    Hi Robin,

    ich finde den Reise-Artikel von der Elsa ebenfalls sehr lesenswert und interessant. Persönlich habe ich eigentlich noch nie über eine Novosibirsk-Reise nachgedacht. Warum ich es jetzt tue, liegt an diesem schönen Reisebericht. 😉

    Gerade ärmere Gegenden, die alles andere als touristisch erschlossen sind, haben oft einen ganz besonderen Charme. Für Individualtouristen, Abenteurer und Russland-Freunde ist Novosibirsk sicher eine Reise wert!

  3. Reise-Typ sagt:

    Hi Elsa,

    ich muss mich anschließen: wirklich ein schönes Porträt von Novosibirsk! Bei mir steht eine Russland-Reise noch aus – wird sicher auch noch etwas dauern, aber eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn muss irgendwann einmal sein;)

  4. Elsa sagt:

    Danke euch für die Blumen :). Mich hat die Stadt gleichzeitig traurig gemacht und fasziniert, als Erlebnis ists auf jeden Fall empfehlenswert, dort hinzufahren, und ganz ganz besonders raus aufs Land, ist wie eine Zeitreise.
    Transsibirische Eisenbahn bin ich aber selbst noch nicht gefahren :D…meine Mutter war da Schaffnerin bin ich kam und dem ein Ende gesetzt hab :D.

  5. Valeria sagt:

    Wusste garnicht dass die Stadt so groß ist. ^^
    Danke, informativer Artikel! So und so ähnlich sehen viele Städte in Russland, aber auch in der Ukraine aus – geprägt durch die Sowjetunion eben.

    Für alle sehr zu empfehlen, wenigstens 1x im Leben solche Städte voller Gegensätze zu besuchen.

    LG

  6. Norbert sagt:

    Schöner Bericht, auch wenn ich nicht allen Details zustimmen kann – insbesondere zum Thema Armut. Es gibt inzwischen schon einige Branchen, wo auch normale Ingenieure in etwa so verdienen, was man auch in Dresden bekommt. Wo kämen sonst die vielen Autos her? (Über 600.000 Autos bei 1,2 Millionen Einwohnern – das ist fast deutscher Durchschnitt.)

    Ein wirklicher Fehler: Der neue Zoo ist seit 1993 geöffnet – die letzten Tiere sind 2005 aus dem alten Gelände umgesiedelt worden. 2012 ist also definitiv nicht korrekt.

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